Freitag, 24. Juni 2011

Freigeld

Freigeld (auch umlaufgesichertes Geld oder Schwundgeld) ist ein System mit einer Gebühr auf gehaltenes Geld und ist ein Teilbereich der Freiwirtschaftslehre nach Silvio Gesell. Die beiden anderen Teilbereiche der Freiwirtschaftslehre neben Freigeld sind Freiland und Freihandel.
Im Freigeldsystem will der Freigeldbesitzer sein Freigeld möglichst schnell von der Last der Freigeldgebühr befreien. Die Staatliche Freigeldbank, gibt dem Freigeldbesitzer diese Möglichkeit, indem er es der Bank als Einlage gibt. Die Freigeldgebühr sorgt also dafür, dass das Geld dem Wirtschaftskreislauf nicht wie heutzutage entzogen wird, sondern - im Gegenteil - Geldbesitzer ihr Geld zinslos verleihen, um der Freigeldgebühr auf gehaltenes Geld zu entgehen. Den Wirtschaftsteilnehmern können somit zinsfreie Kredite gewährt werden.

Eine weitere, wesentlichere Folge: Das Geld fliesst schneller und ständig.
Es wird entweder als Kredit vergeben oder es wird mit ihm konsumiert und investiert um der Gebühr zu entgehen. Damit kommt das Geld seiner primären Funktion und obersten Aufgabe - der Tauschfunktion - auf effektivster Art und Weise nach.


Das Wunder von Wörgl
Das beeindruckendste Freigeld-Experiment fand wohl in der österreichischen Kleinstadt Wörgl statt. Es wird auch "Das Wunder von Wörgl" genannt:
In Wörgl war um 1932 die Arbeitslosenquote bedrohlich angestiegen. Die Gemeinde hatte einerseits beträchtliche Steuerausfälle, andererseits hohe Lasten durch Unterstützungsleistungen an Arbeitslose. "Die Kasse war leer" und ein Ende war nicht abzusehen.

Ab Ende Juli 1932 gab die Gemeindeverwaltung unter Bürgermeister Michael Unterguggenberger als Lohn der Gemeindeangestellten eigene sogenannte "Arbeitswertscheine" aus, den Wörgler Schilling.
Die Arbeitswertscheine waren umlaufgesichertes Freigeld. Ideenlieferant war dabei die Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells. Monatlich musste eine Marke zu einem Prozent des Nennwertes der Note gekauft und in ein dafür vorgesehenes Feld auf der Vorderseite des Geldscheins geklebt werden, um ihn gültig zu erhalten. Das Geld war durch Hinterlegung von Schillingen der Gemeinde bei der Wörgler Raiffeisenkasse gedeckt und gleichwertig an den Schilling gekoppelt. Mit diesen Scheinen konnten Gemeindesteuern bezahlt werden. Einheimische Geschäftsleute nahmen Freigeld in Zahlung.

Das Experiment war erfolgreich. Geldkreislauf und Wirtschaftstätigkeit wurden wiederbelebt, während das übrige Land tief in der Wirtschaftskrise steckte. Überall in Wörgl wurde gebaut und investiert. Bis in die 1980er zeugte unter anderem die Aufschrift "mit Freigeld erbaut" auf einer Straßenbrücke davon. In den vierzehn Monaten des Experiments sank die Arbeitslosenquote in Wörgl von 21 auf 15 Prozent ab, während sie im übrigen Land weiter anstieg.

Die positiven Auswirkungen führten dazu, dass der Modellversuch in der Presse als das "Wunder von Wörgl" gepriesen wurde. Das Interesse daran stieg derart, dass über hundert weitere Gemeinden im Umkreis von Wörgl dem Beispiel folgen wollten. Auch im Ausland und in Übersee fand die Aktion starke Beachtung und Nachahmer. Aus Frankreich reiste der Finanzminister und spätere Ministerpräsident Édouard Daladier nach Wörgl, und in den USA schlug der Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher der amerikanischen Regierung – wenn auch vergeblich – vor, ein Wörgl-ähnliches Geld mit dem Namen "Stamp Scrip" zur Überwindung der Wirtschaftskrise einzuführen.

Allerdings erhob die Oesterreichische Nationalbank gegen die Wörgler Freigeld-Aktion vor Gericht erfolgreich Einspruch, weil allein ihr das Recht auf Ausgabe von Münzen und Banknoten zustand. Das Experiment von Wörgl und alle weiteren Planungen wurden verboten. Unter Drohung von Armeeeinsatz beendete Wörgl das Experiment im September 1933.